Einige kritische Bemerkungen zu den "5 Tibetern"

Als selbst mit einer desolaten Wirbelsäule "Gesegneter" (aber ohne Dauerschmerzen!), Zilgrei-Therapeut
und jemand, der vor etlichen Jahren die "5 Tibeter" ausprobiert und es ganz schnell wieder seingelassen
hat, kann ich rückenkranken Menschen nur tunlichst davon abraten, diese Übungen durchzuführen. Sie
mögen vielleicht gesunden Menschen nicht schaden, ihnen möglicherweise sogar irgendeinen Nutzen
bringen, aber ich halte die "5 Tibeter" für regelrecht schädlich bei Wirbelsäulenproblemen. Warum,
möchte ich im Folgenden ausführen.

Meistens verhält es sich doch so, dass das Zurückneigen (Reklination) des Rumpfes und/oder des
Kopfes bei entsprechenden Schäden der Lenden- und/oder Halswirbelsäule schmerzauslösend oder
-verstärkend wirkt. Vor der Durchführung von Zilgrei-Selbstbehandlungen wird mittels der
Selbstuntersuchung genau dies abgeklärt. Die Selbstbehandlungen werden zwingend und ohne
Ausnahme immer nur in die schmerzfreie oder zumindest -ärmere Bewegungsrichtung ausgeführt. Eine
sehr wichtige Rolle spielt auch die Atmung bei Wirbelsäulen-Bewegungen auf der Sagittalebene.
Schauen Sie sich nun bitte zunächst unsere Side "Die Wirbelsäule und die Atmung" an (hier klicken)!

Diese sehr wichtige Thematik sollte eigentlich Bestandteil einer jeden Rückenschule sein. Leider sind
diese Zusammenhänge offenbar auch den meisten Physiotherapeuten, Sportlehrern u.a. nicht bekannt,
wie meine Frau und ich in unserem Unterricht leider immer wieder feststellen müssen.

Wenn man sich nun die Handlungsanweisungen für einige "Tibeter"-Übungen ansieht, wird einem schnell
klar, dass es so nicht wirbelsäulenschonend gehen kann:

"2. Tibeter": Man legt sich mit ausgestreckten Beinen rücklings auf den Boden. Die Hände werden mit
den Handflächen nach unten parallel zum Körper auf den Boden gelegt. Man atmet durch die Nase ein
und hebt gleichzeitig die beiden durchgestreckten Beine hoch bis zur Senkrechten. Gleichzeitig hebt
man den Kopf an und zieht ihn fest in Richtung der Brust. Der Rücken- und Beckenbereich bleiben
dabei auf dem Boden liegen. Dann atmet man aus und bringt die Beine und den Kopf wieder in
Ausgangslage.

Eine in zweierlei Hinsicht für die LWS "tödliche" Übung: Erstens wird genau falsch herum geatmet
(Wirbelsäulenstreckung mit der Einatmung) und zweitens ist das gleichzeitige Anheben der Beine in
Rückenlage das schiere Gift für die LWS (massive Belastung derselben durch entgegengesetzt
einwirkende Kräfte, hat zu tun mit dem Haupthüftbeuger, dem Iliopsoas-Muskel, der bei seiner Kontraktion
die LWS in die Lordose zieht). Diese Übung geht in Richtung des "Klappmessers" und des "Situps",
angeblich Übungen zur Kräftigung der Bauchmuskulatur, beide total obsolet.

"3. Tibeter": Man kniet sich auf den Boden, wobei die Oberschenkel parallel gestellt sind und man auf
den Unterschenkeln hüftbreit auseinander kniet. Man stellt die Zehen auf, so dass sich das Fußgelenk
in einem etwa 90-Grad-Winkel befindet. Die Handflächen werden auf der dem Rücken zugewandten
Seite der Oberschenkel flach etwas unterhalb des Beckenbereichs aufgelegt. Der Oberkörper ist
aufrecht. Beim Einatmen wird der Kopf nach hinten gebeugt, beim Ausatmen wird das Kinn wird auf die
Brust gedrückt. Als Ausgleichsübung lässt man das Becken auf die Unterschenkel herab und lässt die
Arme und Schultern locker pendeln oder auf dem Boden ruhen (Handflächen nach oben).

Mag die HWS überhaupt beide Sagittalbewegungen? Wie fühlt sich dabei der restliche Rücken an?

"4. Tibeter": Man setzt sich auf den Boden und streckt die Beine senkrecht nach vorne aus. Dabei
sollten die Fußgelenke einen Abstand von ca. 30 cm aufweisen. Die Handflächen werden neben dem
Becken parallel zu den Hüften auf den Boden gestellt. In dieser Stellung zieht man beim Ausatmen
das Kinn an die Brust. Beim Einatmen hebt man aus dieser L-förmigen, sitzenden Position das Becken
in Richtung Decke, so daß man eine schiefe Ebene oder eine Art "Brücke" bildet. Der Kopf wird dabei
in den Nacken gelegt und jeder Muskel im Körper wird angespannt.

Wenn es denn schmerzfrei geht...

"5. Tibeter": Man nimmt die Ausgangsposition einer Liegestütze ein, wobei die Zehen aufgestellt sind.
Hände und Füße sind etwa 60 cm weit auseinander zu positionieren. Die Arme sollen senkrecht zum
Boden aufgestellt werden, so daß die Wirbelsäule ein bisschen durchgebogen wird. Der Kopf soll
weitestmöglich in den Nacken gehoben werden, um die Decke anzusehen. Beim Einatmen hebt man
das Becken und zieht das Kinn auf die Brust (eine Art "Katzenbuckel").

Die arme Halswirbelsäule... Katzenbuckel und Einatmung? Wieder falsch, umgekehrt wäre es richtig!

Also, Rückenkranke: Finger weg von diesen Übungen, viel unphysiologischer geht es kaum.

Karl Goldhamer, Heilpraktiker und Zilgrei-Therapeut



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